Ein Anruf am späten Abend

von Lis Kroeker

Um 21:30 Uhr klingelte das Telefon. Ich schaute auf die Anrufanzeige und erkannte den Namen nicht. Nach einem langen und chaotischen Arbeitstag als Schulberaterin überlegte ich, ob ich es einfach klingeln lassen oder abheben sollte. Ich nahm den Hörer ab. Die Stimme einer Frau überflutete mich mit ihrer Geschichte: Sie war frustriert von der Schule; sie hatte erfolglos versucht, mit der Lehrerin zu arbeiten; man hatte ihr gesagt, sie solle sich mit mir in Verbindung setzen. Müde -  und ich muss gestehen -  ein wenig irritiert über das, was sich wie ein Eindringen in meine Privatsphäre anfühlte, sagte ich der Mutter, dass ich mich gerne mit ihr treffen und über ihren Sohn sprechen würde. Wir vereinbarten eine Zeit und einen Ort, und ich legte den Hörer auf. Was hat sie sich dabei gedacht, mich so spät zu Hause anzurufen?

Am nächsten Tag betrat ich das Café und erkannte sie sofort. Die zierliche Frau war damit beschäftigt, Stühle und mehrere Stapel von Papieren zu ordnen, die sie für mich mitgebracht hatte. Sie begrüßte mich schnell und überlegte dann, wo ich mich am besten hinsetzen könnte, damit ich ihre Unterlagen studieren konnte. Sie hatte ein Foto ihres Sohnes mitgebracht, das sie vor mich legte, dann sah sie mich verzweifelt an. Ich bat sie, mir ihre Geschichte von Anfang an zu erzählen.

Alles begann  im letzten Oktober, sie hatte sich Sorgen über die Fortschritte ihres Sohnes in Mathe gemacht. Sie hatte die Lehrerin gebeten, ihr Arbeitsblätter zu geben, damit sie ihm abends helfen konnte, aber die Lehrerin weigerte sich jedoch, mit der Begründung, sie wolle, dass der Junge Zeit habe, einfach Kind zu sein. Die Mutter war verzweifelt und erzählte, dass er im Rückstand sei und sie ihm helfen wolle. Sie kannte ihren Sohn. Sie wusste, dass er jeden Abend viel Übung brauchte. Sie wusste, dass sie ihm helfen konnte. Nach mehreren E-Mails bot die Lehrerin Ideen für mathematische Übungen an, die nicht mit Arbeitsblättern verbunden waren. Sie schlug vor, Mathe in Aktivitäten des täglichen Lebens einzubauen, wie z. B. gemeinsames Backen oder Gartenarbeit. Die Mutter fokussierte sich weiterhin auf ihren Wunsch, die Arbeitsblätter zu bekommen. Je mehr sich die Lehrerin weigerte, ihrer Bitte nachzukommen, desto besorgter wurde sie.

Wir unterhielten uns über mögliche Gründe, warum die Lehrerin die Arbeitsblätter nicht nach Hause schicken wollte. Wir sprachen darüber, wie ihr Sohn am besten lernen kann. Wir überlegten, uns mit der Lehrerin und dem Schulleiter zu treffen, damit wir für den Sommer und den nächsten Herbst einen Plan erstellen konnten, der sowohl die Schule als auch das Elternhaus einbezog.

Gerade als wir fertig waren, fasste diese Mutter das Treffen für mich zusammen und fügte dann etwas hinzu, was sie als "einen kleine Punkt“ bezeichnete, den wir nicht besprochen hatten, den sie aber für wichtig hielt. "Ich habe Krebs", sagte sie.

"Die Prognose ist nicht gut. Die Behandlungen schwächen mich. Ich schlafe, während die Kinder in der Schule sind, damit ich etwas Zeit mit ihnen verbringen kann, wenn sie nach Hause kommen." Ich spürte, wie mein Herz langsamer schlug, als ich ihren Worten zuhörte. Sie konnte nicht mehr kochen oder backen; sie konnte nicht mehr gärtnern. Sie konnte nicht stundenlang im Internet nach Ressourcen suchen, um ihren Sohn zu unterstützen. Alles, was sie tun konnte, war, nach diesen Arbeitsblättern zu fragen, um ihm zu helfen. Sie wollte nicht hilflos dabei zusehen, wie er sich abmühte, ohne ihm helfen zu können.  Ihr Alarm bezog sich auf die möglichen Auswirkungen ihrer Krankheit auf ihren Sohn. Wenn sie nicht mehr da sein würde, wollte sie, dass ihr Sohn seine Mama als diejenige in Erinnerung behält, die sich um ihn kümmert, die ihm hilft, die ihn kennt.

Oh, wie schnell sind wir dabei, Menschen zu verurteilen, wenn wir nicht das ganze Bild sehen können. Wie schnell war ich irritiert von einer Mutter, die verzweifelt versuchte, an ihrem Kind festzuhalten. Sie wusste nicht, wie lange sie noch durchhalten würde. In ihrer aus den Fugen geratenen Welt gab es nur eine Sache, über die sie gefühlt etwas Kontrolle hatte. Ein Arbeitsblatt. Vorhersehbar. Strukturiert. Überschaubar. Die Schule wollte vielleicht keine Arbeitsblätter herausgeben. Aber wir mussten dieser Mutter eine Möglichkeit bieten, ihre Alpha-Position gegenüber ihrem Sohn zu bewahren.

empty