Die Einladung

von Jule Epp

Ich habe versucht, meinen Sohn in die  Vorschule zu schicken. Es war traumatisch. Ich habe innerhalb von nur 8 Wochen 10 kg abgenommen. Mein Sohn bekam Albträume, schlug sich selbst gegen den Kopf, biss sich, schlug mit dem Kopf gegen den Schreibtisch. Es war klar, dass dieses Vorschul-Experiment aufhören musste! Also habe ich es beendet.

Ich war wütend auf mich selbst, dass ich dem Druck nachgegeben hatte, meinen Sohn in die Vorschule zu schicken. Aber der ganze Horror diente einem Zweck: Ich wusste jetzt, dass Schule nicht ohne weiteres funktionieren würde. Aber es musste funktionieren – denn es gibt in Deutschland eine Schulpflicht. Mir war klar, dass wir Hilfe brauchen würden. Viel Hilfe. Und der einzige Weg, sie zu bekommen, war eine Diagnose.

Eine Diagnose zu bekommen war nicht schwer. Ich kannte die diagnostischen Kriterien für Asperger-Syndrom, ich wusste, dass mein Sohn sie erfüllte, und ich wusste, dass wir diese Arztpraxis mit der offiziellen Bestätigung, dass mein Sohn auf dem autistischen Spektrum ist, verlassen würden. Dies hat mich nicht umgehauen. Im Gegenteil, ICH BRAUCHTE diese Diagnose. Und die Diagnose musste „dramatisch“ genug sein, um möglichst viel Unterstützung für meinen Sohn zu bekommen. Ich musste einen Weg finden, ihn zu beschützen. Das war alles, was zählte.

Als ich meinen Sohn mit den anderen Kindern in der Schule sah, begann ich als Mutter den Schmerz dieser „Diagnose“ für meinen Sohn zu spüren. Ich hatte immer gewusst, dass mein Sohn anders ist. Vom Tag seiner Geburt an. Aber weil ich mit ihm das Haus kaum verlassen konnte, war ich ziemlich isoliert. Ich verbrachte jeden Tag den ganzen Tag damit, mit meinem Sohn zu spielen und ihn zu lieben als das sensible, kreative und intensive Individuum, das er ist. Er ist mein erstes und einziges Kind. Ich hatte keinen Vergleich. Die Vergleiche begannen, als ich ihn im Klassenzimmer beobachtete. Seine Hilflosigkeit im Kontakt mit anderen Kindern, seine exzentrischen und oft unangemessenen Gesprächsthemen, seine intensiven Gefühlsausbrüche und seine eklatante Egozentrik schmerzten mich – waren mir sogar peinlich. Zum ersten Mal sehnte ich mich danach, dass mein Sohn versuchen würde, „normaler“ zu sein. Nicht so auffällig zu sein.

Als wir immer mehr in die Welt hinausgehen konnten, musste ich mich mit schockierten oder missbilligenden Blicken auseinandersetzen, wenn mein Sohn im Supermarkt, im Bus oder auf der Straße einen „Meltdown“ hatte. Ich selbst war immer ein so „gutes“ Mädchen gewesen. Jetzt wurde ich als „schlechte“ Mutter angesehen. Mit einem „schlechten“ Kind. Dies fühlte sich für mich unerträglich an. Und ich fing an, wütend auf meinen Sohn zu werden, weil er mir „das angetan“ hatte. Als mein Sohn in der Schule Probleme mit Aggression bekam, fühlte ich mich an meine Grenzen getrieben. Das war mehr, als das „gute Mädchen“ in mir akzeptieren konnte. MEIN Sohn ist aggressiv?!!!

Die Anspannung in mir war zu dieser Zeit unerträglich: Als Mutter wurde ich von meiner Liebe zu meinem Sohn getrieben; aber als „gutes Mädchen“ wurde ich von meinem lebenslangen Streben nach der Liebe und Anerkennung anderer getrieben. Meine Leitlinie war ein braves Mädchen zu sein, niemanden zu ärgern oder zu widersprechen. Aber jetzt fühlte ich mich zerrissen. Mein Leben hatte mich nun an einen Punkt gebracht, an dem ich Stellung beziehen musste. Entweder erliege ich der Versuchung, „gut“ zu sein, Konflikte zu vermeiden, Erwartungen zu erfüllen, mich einzufügen, oder ich stelle mich auf der Seite meines Kindes.

Aber es gehört noch mehr zu dieser Geschichte. Ein "gutes Mädchen" zu sein bedeutete, "nett" zu sein. Ich war als Kind eine Art „Shirley Temple“ gewesen, mit Locken und allem. Mein Sohn schlug, trat, biss, kratzte und schrie die Leute an, sie seien Hitler! Auf der Seite meines Sohnes zu sein bedeutete, dass ich auch DIESE Angriffsenergie irgendwie „umarmen“ musste! Meinen Sohn einzuladen bedeutete, dass ich auch DIESE Energie einladen musste – nicht nur in ihm – sondern auch in mir selbst.

Ich nehme an, dieses Dilemma ist unvermeidlich. Es macht Sinn, dass der Impuls, unsere Kinder großzügig einzuladen, „Ja“ zu ihnen zu sagen, uns dazu bringt, über die Grenzen der Einladungen zu stolpern, die wir selbst erhalten haben. Es ist unvermeidlich, dass wir über die Kisten stolpern, in die wir uns selbst hineingezwungen haben. Und der Schmerz der Zurückweisungen, die wir erfahren haben – die Zurückweisung der Teile von uns, die nicht gewollt, nicht geliebt wurden – und die wir selbst jetzt als unerwünscht und nicht liebenswert ansehen. Ich hatte schon viel Zeit damit verbracht, mir diese Dinge anzuschauen, die ich aus mir herausgeschnitten hatte, um „gut“ zu sein und den Preis, den ich dafür bezahlt hatte. Jetzt verlangte das dringende Bedürfnis meines Sohnes, eingeladen zu werden, und meine tiefe Liebe zu ihm, dass ich endlich HANDELN musste. Ich wusste, was ich tun musste. Es war an der Zeit, dem „guten Mädchen“ in mir ein verständnisvolles, aber festes „Nein“ und meinem Sohn ein klares „Ja“ zu sagen.

Was – wie in einem Escher-Gemälde (Drawing Hands) – auch bedeutete, endlich ein einladendes „Ja“ an mich selbst zu richten. Das ist die schöne Ironie der Natur.

Bildquelle: Paulus Rusyanto auf 123rf

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