Lehren vom Bauernhof: Eine Geschichte von Alpha und Alarm

01/05/2022

von Tamara Strijack

Es waren einmal, vor nicht allzu langer Zeit, vier Alpakas – Butterscotch, Charcoal, Cusco und Fiesta – die einigermaßen friedlich auf unserer Farm lebten. Eines Tages kamen drei neue Alpakas dazu und der Frieden wurde gestört. Wir beobachteten mit angehaltenem Atem, wie die Alpakas unter sich ausarbeiteten, wer das neue Alpha, der neue Anführer des Rudels sein würde. Als Sieger entpuppte sich Sir William, einer der Neuen. Wir atmeten erleichtert auf. Sir William hatte das Sagen und in der Alpakawelt schien alles wieder in Ordnung zu sein.

Bald bemerkten wir jedoch, dass Sir William immer häufiger den Alarmruf ausstieß. Zuerst dachten wir, er würde sich gut um die Herde kümmern und vor drohenden Gefahren warnen. Aber in Wirklichkeit waren es Fehlalarme. Wir stellten fest, dass Sir William von allem und jedem erschreckt wurde – eine Ente von nebenan, unsere Katze (die nicht einmal im Entferntesten wie ein Berglöwe aussieht), ein umgestürzter Ast. Und dann fügten sich die Teile zusammen und wir verstanden. Sir William fühlte sich nicht sicher. Seine Unsicherheit, seine tiefsitzende Besorgnis, zeigte sich darin, dass er die Welt selbst in die Hand nehmen musste. Doch dies konnte ihm kein Gefühl von Sicherheit geben. Und deswegen konnte er es sich nicht leisten, seine Wachsamkeit jemals abzulegen. Wie anstrengend musste das Leben von Sir William gewesen sein! Immer auf Abruf, die Dinge selbst in die Hand nehmen (oder in diesem Fall in die die Hufe), in Angst leben.

Als die Puzzleteile sich zusammenfügten, wurde uns klar, was Sir William wirklich brauchte – ein Lama! Er brauchte jemanden, der ihn übertrumpfte, der ihm sagt: „Ich stehe hinter dir. Du kannst dich ausruhen. Ich habe alles im Blick. Ich werde für dich sorgen.“ Lamas werden im Gegensatz zu ihren kleineren und weniger mutigen Verwandten, den Alpakas, oft als Wachtiere eingesetzt. Sie haben eine sanfte, aber starke Präsenz, die Raubtiere in Schach hält. Die Tiere in ihrer Obhut können einfach weiterleben – grasen, schlafen, forschen – ohne von Gedanken über ihre eigene Sicherheit geplagt zu sein. Aber der arme Sir William war sichlich geplagt.

Viele unserer Kinder sind in der gleichen Lage wie Sir William. Irgendetwas im Leben hat sie erschreckt und ihr System alarmiert – vielleicht waren sie zu lange von Mama oder Papa getrennt, vielleicht liegt Oma im Sterben, vielleicht gibt es ein krankes Geschwisterkind oder die Schule beginnt oder vielleicht ist es einfach die Verunsicherung vom älter werden. Wir wissen nicht, was es für Sir William war, da er mit fünf Jahren zu uns kam. Aber wir wissen jetzt, dass er alarmiert war, als er kam. Und wegen seines überaktiven Alarmsystems übernahm er die Kontrolle über seine Welt. Als sein Gehirn versuchte, die wahre Quelle des Alarms zu finden, landete es überall um ihn herum auf falschen Drohungen – zufällige Tiere und leblose Objekte.

Bei einigen unserer Kinder sehen wir dasselbe Phänomen in ihren Ängsten und Phobien (die für uns oft wenig Sinn ergeben) oder ihrem Bedürfnis nach Ordnung. Einige Kinder folgen vielleicht Sir Williams Beispiel und übernehmen die Verantwortung für ihre Welt. Im Alpha-Modus stellen sie Forderungen, sie warnen vor Bedrohungen, sie führen ihre Herde an! Aber es fühlt sich nicht richtig an – weder für uns als verantwortlichen Erwachsenen noch für sie, weil sie die Kontrolle übernehmen und sie sich, genau wie das Alpaka, so nie sicher fühlen können. Im Alpha-Modus gibt es keine Ruhe. Und während die Alpha-Rolle viel Erfüllung bieten kann, indem sie den Menschen in unserer Obhut Fürsorge und Schutz bietet, kann dieselbe Rolle, wenn sie in unangemessen Situationen ausgeübt wird, zu erhöhter Alarmbereitschaft, Hemmung von Gefühlen und der Unfähigkeit führen, unsere Wachsamkeit aufzugeben. Viele unserer Kinder leben genau so. Auch sie könnten ein Lama in ihrem Leben gebrauchen!

Was unsere Kinder brauchen, ist eine großzügige Einladung, in unserer Gegenwart zu ruhen. Während sie verzweifelt versuchen, das Steuer selbst in die Hand zu nehmen, können wir ihnen sanft versichern, dass wir schon alles im Griff haben. Wir können die Botschaft vermitteln, dass wir die Kontrolle haben, und wir uns um sie kümmern werden. Nicht, dass es keine geeigneten Zeiten für unsere Kinder gibt, um auf dem Fahrersitz zu sitzen, aber zuerst müssen sie sich auf uns verlassen können. Und wir können dazu beitragen, die Abhängigkeit zu erleichtern, indem wir ihre Bedürfnisse antizipieren und zuvorkommen – mit Essen, mit Kontakt und Nähe, mit Emotionen. Wir können einen sicheren Ort bieten, um die Frustrationen, die alarmierenden Gefühle, die Enttäuschungen und die Tränen auszudrücken. Denn indem wir diesen Erfahrungen Raum geben, befreien wir Kinder, Kinder zu sein. Wir geben Kindern die Freiheit, einfach weiterzuleben – zu grasen, zu schlafen, zu erkunden – ohne sich um ihre eigene Sicherheit sorgen zu müssen.

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