Bildungsstätte für Bindung, Entwicklung und Spiel



Spannungen zwischen Geschwistern - weg von Einzelheiten und hin zur Beziehung

von Darlene Denis-Friske

Es gibt viele Bereiche in meinem Leben, in denen meine Geduld auf die Probe gestellt wird, und sich mir eine Gelegenheit zum Reifwerden bietet. Und auf jeden Fall ist dies so, wenn es um die täglichen Spannungen zwischen meinen Kindern geht. Sie erinnern mich an spielerische und ungestüme Welpen, die immer bereit sind zu springen, zu hüpfen und anzugreifen! Verspieltheit kann schnell in Frustration umschlagen, und dann, manchmal innerhalb von Sekunden, überwinden sie den Schreien-und-Schubsen-Wettkampf und gehen zum nächsten Spiel über, wieder als „Kumpel“ vereint.

Eltern können ganz leicht in die unvermeidlichen Spannungen ihrer Kinder verwickelt werden. Wer hat wem was angetan? Wer hat damit angefangen? Wer hat zuerst zugehauen? Und dann ist es an den Eltern Stellung zu nehmen, zu urteilen oder vielleicht Konsequenzen anzuordnen, vielleicht indem sie Dinge sagen wie: „Das hättest du nicht tun sollen!“ „Du warst gemein zu deiner Schwester!“, „Du gibst deinem Bruder nie eine Chance!“ Oder vielleicht: „Du hast Hausarrest!“,  „Kein Fernsehen heute Abend!“

Der Versuch ihre Kinder davon zu überzeugen einander zu begegnen, zusammenzuarbeiten, Verantwortung zu übernehmen oder aber auch das Bemühen Unrecht zu korrigieren und/oder zu einer Einigung zu kommen kann, für Eltern sehr aufreibend sein.   

Und natürlich möchte jedes Kind, dass seine oder ihre Aufregung anerkannt, geglaubt und bestätigt wird, besonders wenn es den Anschein hat, dass ein Elternteil eine Version der Geschichte einer anderen vorzieht. Dann wird das Kind besonders hart darum wetteifern, dass die Eltern sich auf seine Seite schlagen und seine Position verstehen, und vielleicht fühlt es sich schrecklich verletzt und verärgert, wenn die Eltern das nicht tun. Dies können schwierige Momente in der individuellen Eltern-Kind-Beziehung sein, wenn ein Kind weggeht (oder weggeschickt wird) und das Gefühl hat, missverstanden und missachtet zu werden.

Ich habe schon früh gelernt, dass das Ordnen von Einzelheiten sowie der Versuch, herauszufinden, wer was getan hat, in diesen Momenten Energieverschwendung ist. Hier habe ich meinen Dehnungsbogen zur Reife als so notwendig empfunden: Ich muss erkennen, dass es meine Rolle ist, wenn ich mit geschwisterlichen Spannungen konfrontiert bin, den Kampf meiner beiden Kinder zu sehen, unabhängig davon, wer was getan hat.

Wenn wir uns bemühen, die Verärgerung jedes Kindes zu erkennen, jedes Kind zu hören, jedes Kind zu bestätigen und versuchen, ohne Beurteilung oder Kritik auszukommen, können wir das Gefühl loslassen, nachforschen oder sich auf eine Seite stellen zu müssen.

Meine Verbundenheit zu jedem meiner Kinder zu ehren und zu schützen, wenn sie wütend aufeinander spucken, erlaubt es mir, mich einzuklinken, sie einzusammeln, die Dinge zu beruhigen und ihre Aufmerksamkeit auf mich zu lenken. In diesen Momenten geht es darum, die Dinge zu verlangsamen, ihnen zu helfen, mit der Intensität ihrer Frustrationen umzugehen, und ihnen Raum zu geben, damit sie ihre Aufregung verarbeiten können.

Je nach dem wie aufgeheizt die Situation gerade ist  und je nachdem, wie sehr sie sich gegenseitig triggern (und wie sehr ich selbst getriggert werde!), werde ich ihnen entweder gemeinsam oder getrennt Raum geben. Meine erste Priorität besteht einfach darin, mich in die Situation hineinzubewegen, ihre Aufmerksamkeit zu sammeln und sie dazu zu bringen, sich voneinander zu lösen. Das ist nicht immer einfach. Als sie jünger waren, gelang es mir meistens, sie abzulenken (Hey Leute! Schaut euch draußen den Sonnenschein an! Wie wäre es mit einer Runde Basketball, um die Stimmung zu ändern?) Jetzt, wo sie älter sind, reflektiere ich ihre Intensität (Wow, ihr zwei! Die Dinge sind laut, die Worte sind scharf, und ich sehe Treffer. Ich denke, dass die Dinge im Moment zu frustrierend sind und ihr beide eine Pause voneinander braucht). Es geht darum die Situation zu entschärfen und eine Neuausrichtung zu ermöglichen.

Möchte ich an dieser Stelle sehr detailliert diskutieren und sezieren, wer damit angefangen hat und wer was mit wem gemacht hat? Nur, wenn ich Kopfschmerzen haben will, während sie versuchen, mich auf ihre jeweilige Seite des Boxringes zu ziehen! Es ist eine große Erleichterung, dass ich mich nicht mehr mit Details herumschlagen muss. Stattdessen unterstütze ich sie beide, indem ich ihnen helfe, langsamer zu werden und schließlich wieder zueinander zu finden, sobald sich die Lage beruhigt hat. Natürlich werde ich Dinge ansprechen, wenn ich sehe, dass es etwas gibt, das angesprochen werden muss, wie Schläge und Tritte oder verletzende Worte. Aber meistens tue ich das später, nachdem der Sturm vorüber ist, in den ruhigeren Momenten des Einzelgesprächs, und immer dann, wenn ich das Gefühl habe, ein Kind zu haben, das weich ist, aufnahmefähig und zuhört.

Ich bin zu der Erkenntnis gekommen, dass es viel sinnvoller ist, meine geerdete Präsenz, Akzeptanz und Unterstützung am Rande zu geben. Ich lasse den Versuch los, Dinge zu lösen, und vertraue darauf, dass sich die Details von selbst regeln, wenn meine Kinder wachsen und reifen. Für mich geht es letztlich darum, sicherzustellen, dass ich versuche, sowohl denjenigen zu verstehen, der den ersten Angriff gestartet hat, als auch denjenigen, der für den zweiten Angriff verantwortlich ist, und mich dabei weg von den Einzelheiten und stattdessen hin zur Beziehung bewege.

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