Bildungsstätte für Bindung, Entwicklung und Spiel



Opfern Sie nicht das Zuhause Ihrer Kinder, wenn die Schule zu Ihnen nach Hause kommt

von Dr. Gordon Neufeld 

Derzeit gibt es eine Fülle von Ratschlägen, wie man sein Zuhause in eine Schule verwandeln kann. Die zugrunde liegende Annahme ist, dass es im besten Interesse des Kindes ist, dass dies geschieht. In vielen Fällen mag dies so sein. Für manche Kinder könnte der Preis zu hoch sein. 

Der wichtigste Grund, zweimal darüber nachzudenken, bevor man sein Zuhause in eine Schule verwandelt, ist, dass die Kinder das Gefühl verlieren könnten, bei ihrer Familie wirklich „Zuhause zu sein“. Jedes Kind braucht ein Zuhause - d.h. einen verlässlichen Ort der Sicherheit, Ruhe und Einladung. Einen Ort, an dem seine Akzeptanz und sein Wert nicht an seine Leistungen gebunden sind. Es stimmt, dass leider nicht jedes Kind ein solches Zuhause hat, aber wenn dem so ist, sollten wir das nicht zerstören. Und wenn das Kind kein solches Zuhause hat, sollte es unsere oberste Priorität sein dieses zu schaffen. Selbst wenn die Eltern es irgendwie hinkriegen würden, die zusätzlichen schulischen Aufgaben zu erfüllen, heißt das noch nicht, dass ein Kind die Mutter oder den Vater bekommt, den es braucht, sobald seine Eltern zu seinen „Lehrern“ geworden sind.  Sicherlich traf dies bei uns zu als wir versuchten, unseren Sohn während eines Familien-Sabbatjahres im Ausland, zu Hause zu unterrichten. Dieser Sechsjährige äußerte sich recht lapidar über die Unmöglichkeit dessen, was wir zu tun versuchten. Eines Tages rief er seiner Mutter zu: "Du kannst nicht meine Lehrerin sein. Du bist meine Mama!". In unserem Fall war seine Mutter eine ausgebildete Lehrerin und durchaus in der Lage, die Multi-Tasking-Aufgaben zu erfüllen, die für eine Doppelrolle erforderlich sind. Aber in der Realität unseres Sohnes wurde sein familiäres Zuhause mit seiner Mutter als Mutter bedroht, als das Lernen zur Tagesordnung wurde.

Es gibt eine Reihe von Möglichkeiten, wie die Schule das Zuhause eines Kindes in der Familie bedrohen kann. Zunächst einmal bedeutet der Schulbesuch in der Regel die Trennung von den Eltern. Wenn das Gefühl des Zuhauseseins bei der Familie noch nicht so weit entwickelt ist, dass das Kind ein Gefühl der Verbundenheit bewahren kann, sobald es von den Eltern getrennt ist, ruft diese Trennung starke Gefühle von Frustration, Alarm und Nähestreben hervor. Diese Emotionen liegen den meisten Verhaltensproblemen zugrunde und belasten genau die Beziehungen, auf die das Kind angewiesen ist.

Darüber hinaus sind Kinder, wenn sie das Gefühl verlieren, bei ihrer Familie ein sicheres Zuhause zu haben, gezwungen, ein anderes Zuhause zu finden, um das, was sie verloren haben, zu ersetzen. Viele Kinder ersetzen am Ende ihre Familie durch Mitschüler in der Schule. Leider sind die Schulen zu unwissentlichen Fabriken der Gleichaltrigen-Orientierung geworden, die Kinder aus der Umlaufbahn ihrer  Eltern - die ihre Antwort sein sollten-  in eine Umlaufbahn um andere Kinder ziehen (die sich unmöglich um sie kümmern können). Ein Anzeichen für diese Dynamik ist, dass die meisten Kinder heute nicht zur Schule gehen, um etwas über ihre Welt zu lernen, sondern um mit ihren Freunden zusammen zu sein. Mit anderen Worten, sie fühlen sich untereinander mehr Zuhause als mit ihrer eigenen Familie. Dieser Verlust sich in der Familie Zuhause zu fühlen, hat verheerende Auswirkungen auf ihre Emotionen, ihre Entwicklung, ihr Lernen und sogar auf die gesamte gesellschaftliche Entwicklung. Das Thema ist so groß, dass ich ein Buch darüber geschrieben habe und trotzdem lediglich die Oberfläche dieses Phänomens aufgezeigt habe.

Die Nachteile des institutionellen Lernens können manchmal durch den Heim-Unterricht der Kinder wieder ausgeglichen werden. Aber wenn die Schulbildung für die Eltern zur obersten Priorität wird, kann sich das für die Kinder wieder als eine Bedrohung ihres Zuhauses anfühlen.

Während meiner beruflichen Laufbahn habe ich manchmal Eltern empfohlen ihre Kinder – zumindest für eine Weile - aus der Schule zu nehmen um die emotionalen Probleme und Verhaltensprobleme, mit denen sie konfrontiert waren, zu mildern. Manchmal waren die Ergebnisse beeindruckend und ziemlich unmittelbar. Manchmal scheiterte dieser Versuch aber auch. Mir schien, dass einer der Hauptgründe für das Scheitern des Heim-Unterrichts darin bestand, dass das Kind irgendwie den Elternteil verlor, den es so dringend benötigte, während dieser versuchte die Rolle des Lehrers zu übernehmen. 

Wir haben während dieser beispiellosen Krise eine ziemlich einzigartige Gelegenheit, unsere Prioritäten wieder in Ordnung zu bringen – ein sicheres Zuhause VOR Schule. Viele Kinder gilt es zurückzugewinnen und die Eltern könnten die Zeit gut nutzen, um ihren rechtmäßigen Platz im Leben ihrer Kinder wiedereinzunehmen. Das ist nicht unbedingt eine leichte Aufgabe, aber nichts wird für das Kind oder für uns als Eltern richtig funktionieren, wenn sich unsere Kinder bei uns nicht wirklich wohl fühlen und in uns die emotionale Ruhe und erfüllende Liebe finden, die sie brauchen. Da wir sie Zuhause haben und wir dazu aufgerufen sind, Zuhause zu bleiben, was könnte wichtiger sein, als ihr Gefühl des  Zuhauseseins bei uns zu kultivieren? Das ist emotional und entwicklungsmäßig unendlich viel wichtiger, als herauszufinden, wie wir unser Zuhause in eine Schule verwandeln können.

Wenn wir erkennen, was ein Kind wirklich für seine Entwicklung braucht, um zu lernen und zu wachsen, hilft uns das, unseren Fokus richtig zu wählen. Als Theoretiker war mein Lebenswerk weitgehend darauf ausgerichtet, die Puzzlestücke zusammenzusetzen um herauszufinden, was Kinder für ihre emotionale Gesundheit und ihr Wohlbefinden brauchen, bzw. wie sie ihr menschliches Potenzial voll verwirklichen können. 

Kurz gesagt, auf die Essenz destilliert, sind die irreduziblen Bedürfnisse eines Kindes:

  1. richtige Beziehungen zu den für das Kind verantwortlichen Erwachsenen
  2. ein weiches Herz, mit dem ein Kind zarte Emotionen empfinden kann
  3. ausreichende Ruhe, in emotionaler Hinsicht und von der Bindungs-Arbeit
  4. echtes Spiel, bei dem die Hingabe der Aktivität gilt und nicht dem Ergebnis

Dies sind die Schlüsselfaktoren für eine gesunde Entwicklung unabhängig von Rasse, Religion, Geschlecht, Kultur oder Gesellschaft. Dies galt für unsere Vorfahren in der Antike und wird auch noch weit in der Zukunft für unsere Nachkommen gelten. Wenn diese Bedingungen für ein Kind vorhanden sind, geschieht Wachstum, entfaltet sich das Potenzial, entsteht Individualität, erscheint Neugier. Mit anderen Worten, wenn die Bedingungen günstig sind, kann die Natur ihren Lauf nehmen.  

Die entscheidende Frage ist: Wo sind diese vier Bedingungen für ein Kind wahrscheinlicher - in einer guten Schule oder in einem guten Zuhause? Leider kennen wir alle Familien, in denen diese Bedingungen fehlen, mit tragischen Folgen für die betroffenen Kinder. In diesen Fällen ist die Schule sicherlich die bessere Wahl. Aber die Tragödie in der heutigen Gesellschaft besteht darin, dass Eltern in voll funktionierenden Familien mehr an das glauben, was die Schule zu bieten hat, als an das, was sie selbst ihren Kindern zu bieten haben. Sie haben das Vertrauen in sich selbst als die Antwort für ihre Kinder verloren.

Leider sind selbst die besten Schulen der Welt nicht darauf ausgelegt, diese Voraussetzungen für Kinder zu schaffen. Viele Schulen sind heute viel besser als früher, aber diese vier wesentlichen Faktoren stehen selten in irgendeiner Form auf der Tagesordnung, zumindest nicht übergeordnet. In meiner Arbeit mit Schulen habe ich mich weitgehend darauf konzentriert, Pädagogen zu helfen, diese Bedingungen zu verstehen und zu fördern. Es besteht kein Zweifel daran, dass die Schule ihre Wirksamkeit erheblich steigern kann, wenn sie in dieser Hinsicht mehr wie ein Zuhause funktioniert. Aber dies gilt nicht im umgekehrten Fall. Ein Zuhause erhöht seine Wirksamkeit nicht dadurch, dass es sich an einer Schule orientiert.

Zurück zu der vorliegenden aktuellen Pandemie. In unserer Gesellschaft hat sich der Gedanke durchgesetzt, dass die Schule der wichtigste Faktor für das Lernen, wenn nicht gar für die Entwicklung selbst ist. Die Show muss weitergehen, wird uns gesagt. In diesem Zusammenhang möchte ich Eltern, die sich gedrängt fühlen, Lehrer oder zumindest Assistenten von Lehrern zu werden, daran erinnern, dass es keine wichtigere Rolle gibt, als der sichere Heimathafen  eines Kindes zu sein. Was auch immer Sie tun, bringen Sie das nicht durcheinander. Und wenn die Dinge zu viel werden, muss alles geopfert werden, was die Erfüllung dieser Rolle für ein Kind behindern könnte. Es gibt ein Fazit - etwas, woran man glauben kann, wenn Widrigkeiten vorherrschen. Und das ist das Zuhause - nicht die Schule.  

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass unsere Hauptsorge in dieser Zeit nicht der Unterbrechung der Schulausbildung gelten sollte. Wir sollten uns daran erinnern, dass wir vor allem darauf achten müssen, dass wir nicht den sicheren Heimathafen unserer Kinder gefährden, wenn wir die Schule nach Hause holen. Für viele Kinder und Familien könnte eine Pause von der Schule das Beste sein, was diese Pandemie hervorbringt.

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