Bildungsstätte für Bindung, Entwicklung und Spiel



Beziehung, Raum und Ruhe für Jugendliche in Zeiten von Ausgangsbeschränkungen

von Darlene Denis-Friske

Mein 17jähriger Sohn Jacksen platzte heute morgen direkt nach dem Aufwachen aus seinem Zimmer heraus. Ohne uns „Hallo“ oder „Guten morgen“ zu wünschen, brüllte er: „Mir reicht’s!  Ich bleibe heute nicht zu Hause! Ich gehe raus! Ist mir doch völlig egal was die anderen sagen!“ 

Hätte ich erwidert „Nein, das wirst Du nicht! Du kannst gerade nicht raus gehen. Von uns allen wird jetzt erwartet, dass wir uns an die Ausgangssperren halten. Es ist unsere gemeinschaftliche Verantwortung, dient dem Schutz unseres Gemeinwohls und sowieso und überhaupt und bla bla bla und so weiter und so fort…(fügen Sie Ihre eigenen Worte ein)“ 

Nein - ich habe nichts von all dem gesagt, obgleich die in mir augenblicklich zündende Stressreaktion mich innerlich in diese Richtung drängte. Ich fügte seinem Alarm und seiner Frustration nicht noch meine Emotionen hinzu. Seine Emotionen sollten Raum bekommen, nicht meine. Ich versuchte auch nicht, ihm meinen Willen aufzudrücken. Wir alle wissen, wohin dieses törichte Kräftemessen führt, das alles nur noch schlimmer macht. 

Stattdessen unterstützen mein Mann und ich unseren Sohn dabei, Dampf abzulassen. Während Jacksen ein wenig im Raum umher stampfte, bereiteten wir Eier und Toast für ihn vor. Und - siehe da - der Sturm zog so schnell vorüber, wie er gekommen war. 

Die eingepferchten Jugendlichen sind im Moment damit beschäftigt, durch die emotionalen Auswirkungen dieser seltsamen Zeit hindurch zu steuern, umringt von lauter Panik und Angst, die im Außen zirkulieren. Das bedeutet, dass die Jugendlichen intensiven Stress aufnehmen und dies in  einer Zeit, in der sie durch ihre eigene Entwicklung ohnehin erhöhten Turbulenzen ausgesetzt sind. Für viele wird die Tatsache, von der Schule, ihren Freunden und bisherigen Aktivitäten  abgeschnitten zu sein, nagende Befürchtungen über das „was wäre wenn?“ anfeuern, die durch Negativnachrichten in den sozialen Medien weiter gespeist werden. Wir müssen uns schlicht damit abfinden, dass sich diese Spannung in ihrem Verhalten, ihrem Tonfall, ihrer Sprache, ihren  Entscheidungen, ihren Forderungen und Herausforderungen abbilden wird… 

Dabei hilft es, sich bewußt zu machen, dass all diese Formen des emotionalen Ausdrucks auf lange Sicht hin wichtig sind und einer Aufgabe dienen. Wir müssen ihnen R-A-U-M geben. Darin zeigt sich der Versuch, mit etwas zurecht zu kommen. Darin zeigt sich „Alarm in Bewegung“. Es ist  wichtig, dass all diese Emotionen ein Ventil finden und nicht in unseren Jugendlichen stecken bleiben. Das, was in ihrer Welt geschieht, ist schrecklich alarmierend und etwas, über das es sich nur schwer sprechen lässt. Wir müssen einfach damit rechnen, dass sich ihre Emotionen zuweilen ungefiltert in ihrem Verhalten zeigen.

Ist es dabei wichtig, zu thematisieren, was sie tun? Über die Art, wie sie etwas sagen oder was sie sagen zu sprechen? Vielleicht…aber dabei dürfen wir nicht vergessen, dass es zuweilen das beste ist, als Eltern durch etwas hindurch zu gehen und den Zusammenhang im Blick zu behalten sowie den  Dingen ihren Ausdruck zu lassen. Wir können es uns erlauben, die Beziehung an erste Stelle zu setzen und kreativ mit dem all dem Übrigen umzugehen.  

Was kann ich machen? fragte ich mich nach seinem Gefühlsausbruch. Was mag hier helfen?

Nachdem etwas Ruhe eingekehrt war und Jacksens Hunger gestillt war, entschied ich mich, ihn einzuladen, seine Gedanken und seine Meinung zu teilen. Nicht zuletzt, um diesen Artikel mit der  Perspektive eines 17-jährigen zu bereichern.

Ich glaube, dass viele junge Menschen gerade ganz viel Angst erleben…Angst vor Verlust und Tod. Das geht mir auch so, wenn ich an Familienmitglieder wie meine Großeltern denke. Vielleicht haben einige bereits einen Menschen aus ihrer Familie verloren. In meinem Alter haben viele sehr große Angst vor dem Virus. Es fühlt sich an wie der Weltuntergang und einige Jugendliche glauben auch daran, dass die Welt untergehen wird. Ich glaube auch, dass viele von uns meinen, dass sie etwas verpassen: Erlebnisse mit Gleichaltrigen und Zeit mit Freunden sowie Schulerfahrungen. Das trifft besonders auch die, die gerade ihren Abschluss machen. Es fühlt sich so an, als würde uns etwas genommen, das wir niemals zurück bekommen können. 

Ich glaube, dass wir uns daran erinnern sollten, dass diese Zeit vorübergehen wird und dass wir die sozialen Medien nutzen können, um mit unserer Familie und unseren Freunden in Verbindung zu bleiben. Vielleicht ist es auch ein guter Zeitpunkt, um ein neues Hobby aufzunehmen. Ich denke, es ist wichtig, mehr aus unseren Zimmern herauszugehen und Zeit mit der Familie zu verbringen. Ansonsten werden wir uns inmitten dieser Situation nur noch niedergeschlagener fühlen….

- Jacksen Friske - 

Jacksen und seinen Gedanken lauschend und seine Worte niederschreibend, bin ich erstaunt über den Grad seiner Reife - auch im Angesicht von Momenten augenscheinlicher Unreife. 

Während ich diesen Artikel zu Ende schreibe, scheint mein Sohn nun wieder gefasster und ruhiger zu sein. Zumindest für den Augenblick, so lange bis der Alarm und die Frustration wieder an die Oberfläche kommen und das werden sie mit Sicherheit tun…

Dann heißt es, sich wieder an die Beziehungs-Formel erinnern: R-A-U-M, und Ruhe - je nach Bedarf großzügig verabreicht - gepaart mit der Portion Geduld, die ich im Moment für meinen eingepferchten Jugendlichen aufzubringen vermag.  

Mögen auch Sie all die Geduld aufbringen, die es hier braucht. Das wünsche ich Ihnen von Herzen! 

 

Bildquelle: Gellinger  auf pixabay

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